„Und dann habe ich die Person gefragt, was nach einem gelungenen Gespräch besser wäre, aber die wollte nur über ihre Probleme reden und hat gar nicht auf meine Frage geantwortet.“
Als ich vor ein paar Tagen zufälligerweise zu einer Intervisionsgruppe dazustieß, war das große Thema und vor allem auch die große Frage: Was tun, wenn man dieser Situation gegenübersteht und mit seinen ach-so-systemischen Fragen nicht weiterkommt? Man wollte doch systemisch lernen, weil die Fragen immer so toll funktionieren. Das hat man zumindest bei anderen gesehen oder gehört. Doch wie überall (zumindest in den Bereichen, die ich persönliche als vertrauenserweckend empfinde) steht vor dem Anwenden einer Methode ein Denkprozess, der zur Auswahl und zur Rahmung der Methode führte und nicht die Methode selbst als alleiniges Wunderheilmittel, dass alles bedienen kann. Ein Arzt wird nicht dafür bezahlt, eine und das selbst Medikament immer wieder zu verschreiben, sondern dafür, das passgenaue Medikament für die konkrete Situation auszuwählen. Wenn wir zu einem Arzt gehen würden, der, ohne eine genaue Begutachtung und Diagnostik vorzunehmen, sagt: „Nehmen sie einfach dreimal am Tag Aspirin, das empfehle ich allen meinen Patienten.“ – Also, ich für meinen Teil würde da ziemlich schnell nicht mehr hingehen.
Nun haben wir in der Beratung jedoch das Thema, dass Diagnostik (Was ist hier los?) und Intervention (Was tun wir dagegen?) nicht wie beim Arztbesuch voneinander getrennt sind, sondern parallel zueinander stattfinden. Während der Arzt noch keinerlei Wirkung (weder positiv noch negativ) auf meine Halsschmerzen hat, wenn er mir das Holzstäbchen in den Rachen steckt und mich auffordert mal AAA zu sagen, haben wir in der Beratung und im Gespräch mit Menschen immer das Potenzial einer Wirkung, auch wenn wir eigentlich nur versuchen herauszufinden, was der Fall ist.
Es macht einen Unterschied, mit welcher Frage ich in ein Gespräch einsteige, auch wenn meine Intention ist, nur die reine Information zu erheben. Diagnostik ist hier immer schon Intervention:
„Wie geht es Ihnen?“ oder
„Was machen Sie nach einem guten Gespräch für Sie heute hier anders?“ oder
„Wer ist auf die Idee für dieses Gespräch gekommen?“
Bei jeder dieser Fragen wird ein Schwerpunkt gesetzt: Wir bewegen uns auf unterschiedlichen Zeitachsen (Gegenwart, Zukunft, Vergangenheit). Einmal sprechen wir die Emotions-, einmal die Handlungs-, und einemal die Denkebene an. Einmal geht es um Ursachen, einmal um Veränderungen in der Zukunft. Und bei jeder dieser Fragen geben wir dem Erfragten Bedeutung. Wenn der Arzt fragt, wie wir in letzter Zeit geschlafen haben und ob wir gestresst waren, dann muss das zumindest potenziell von Bedeutung sein, sonst würde er nicht danach fragen. Wenn wir als Profiberater fragen, wie es der anderen Person geht, dann muss das von Bedeutung sein, sonst würden wir nicht danach fragen. Eine Frage verleiht Bedeutung, Bedeutung verleihen ist bereits eine Form von Intervention. Darauf sollten wir bei der Auswahl unserer Fragen achten.
Daneben wollen wir mit der Antwort auf eine Frage immer Informationen sammeln, die uns helfen, die nächste Frage oder Intervention auszuwählen. Dafür muss die Antwort noch nicht einmal passend zu der Frage sein.
Bleiben wir beim Beispiel vom Anfang: „Angenommen, wir führen hier ein gutes Gespräch, was ist danach für Sie anders?“
Die Interventionsidee hinter der Frage kann folgende sein: Nicht in die Problemtrance rutschen, sondern von Anfang an den Blick auf das Ziel statt auf das Problem lenken – ausgehend von dem Modell, dass Lösungen nicht durch genaueres Beschreiben des Problems, sondern durch Erforschung der Lösung im Sinne von Loslösung und Vision generiert werden (auf Basis der Potenzialhypothese).
Dass wir überhaupt auf diese Interventionsidee kommen, liegt an der Annahme, dass die Person, die zu einem Beratungsgespräch kommt, sich eine Klärungs- oder Bewältigungserfahrung wünscht (auch wenn sie es nicht so schick und abstrakt formulieren würde).
Wenn die Klientin brav im Sinne der Frage antwortet, können wir unsere Was-ist-hier-los-Frage immer noch ganz unterschiedlich beantworten:
- Sie hat zugehört und ist fähig und gewillt zu antworten.
- Die Antwort auf die Frage hat für sie eine gewisse Relevanz oder die vermutet, dass die Antwort für den Prozess wichtig ist, auch wenn sie noch nicht so recht weiß, was die Frage soll.
- Sie hat entschieden, sich vorerst führen zu lassen, vertraut der Kompetenz des Gegenübers.
- Das Gespräch läuft nach ihren Vorstellungen und sie ist zufrieden.
- Sie verhält sich so, weil sie sich erhofft, mit angepasstem Verhalten möglichst schnell die für sie unangenehme Situation zu beenden.
Padautz. Beim letzten Grund (man könnte natürlich noch viele weitere aufzählen) wird deutlich, dass es selbst in einer Situation, in der sich das Gegenüber der Interventionsidee entsprechend verhält, sein kann, dies nur eine Spielart ist, die Situation für sich selbst zu entschärfen.
Nun hatten wir es in der Beispielsituation ja aber mit dem Fall zu tun, dass jemand eben nicht auf die Frage geantwortet hat, sondern eine Antwort auf die (nicht gestellte) Frage gab „Was ist gerade eigentlich alles schlimm?“
Auch hier können wir im ersten Schritt verschiedene Erklärungen suchen:
- Sie hat einfach nicht richtig zugehört und denkt, sie würde auf die gestellte Frage antworten.
- Sie testet, ob die Beraterin ihren Job ernst nimmt und sie unterbricht und zurück zur Frage führt.
- Sie ist es gewohnt, dass ihr eh nie jemand zuhört, deshalb redet sie einfach vor sich hin.
- Sie findet die Situation an sich blöd und wettert deshalb gegen das Leben.
- Die gestellte Frage geht an ihrem momentanen Bedürfnis vorbei. Sie handelt in der Antwort ihrem Bedürfnis entsprechend.
Wir können wieder viele Ideen formulieren, bei denen im nächsten Schritt unterschiedlichste Manöver anstünden. Wenn die Klientin die Frage einfach nicht registriert hat, kann es sinnvoll sein, sie noch einmal zu stellen. Das könnte jedoch zu starkem Unmut führen, wenn die Klientin die Situation an sich blöd findet, dann könnte sie sich durch das Wiederholen der Frage kleingemacht, angegriffen oder verarscht fühlen und noch mehr aufdrehen. Wenn wir davon ausgehen, dass sie die Situation an sich doof findet, können wir also mit ihr nach der Idee von Besuchern (Steve de Shazer / Insoo Kim Berg) arbeiten.
Und wenn wir annehmen, dass die Frage am momentanen Bedürfnis vorbeigegangen ist? Erinnern wir uns daran, die Prämisse, unter der wir die Frage „Angenommen, wir führen hier ein gutes Gespräch, was ist danach für Sie anders?“ gestellt haben, war, dass wir annehmen, die Person sei für ein Beratungsgespräch da, wünsche sich also eine Klärungs- oder Bewältigungserfahrung. Vielleicht wünscht sie sich das aber (noch) nicht. Klärung und Bewältigung erfordern ein hohes Maß an Reflexion und damit einhergehendem Abstand zu sich selbst. Ich muss zumindest im Ansatz in der Lage sein, mich von meinem aktuellen Problemerleben zu distanzieren (auch dazu dienen Fragen wie die, auf der ich hier die ganze Zeit herumkaue). Nun sind aber weder Klärung noch Bewältigung Erfahrungen, die permanent und immer die Lösung für alles sind (wir erinnern uns an den Arzt, der so gerne Aspirin verschreibt).
Jeder Berater, der während der Ausbildung angefangen hat, mit Familie und Freunden nur noch „beraterisch“ zu sprechen, wenn diese von aktuellen Problemlagen erzählten, weiß, dass das alles andere als dauerhaft gut ankommt. Es gibt Situationen, in denen Klärung und Bewältigung nicht das Ziel ist. Aber was ist es dann?
Reden, um sich selbst und Resonanz zu erfahren.
In einem sicheren Raum Gefühle erleben und durchleben können.
Sich verbunden fühlen und nicht alleine oder abgesondert mit seinen Problemen.
Erleben, dass man selbst und die Probleme ausgehalten werden.
Werben um Verbündete.
Und und und.
Manchmal ist das alleine schon wirksam und genügt. Manchmal ist es nötig, weil es die Grundlage für einen State schafft, in dem Klärungs- und Bewältigungserfahrungen wieder möglich sind. Manchmal ist es sinnvoll und wohltuend, wenn Klienten erstmal von ihren Problemen erzählen können. Manchmal verhagelt man sich damit das komplette Gespräch und kommt aus der Problemtrance nicht mehr heraus und schon gar nicht mehr in die Führung hinein.
Darum ist es so wichtig, während des Gesprächs immer wieder zu prüfen: Wie erkläre ich mir gerade, dass sich mein Gegenüber verhält, wie es sich verhält? Auf Grundlage welcher Erklärung und mit welchem Ziel möchte ich meine nächsten Sätze sagen und meine nächsten Fragen stellen? Und habe ich ein Repertoire für verschiedene Bedürfnisse und Bedarfe innerhalb eines Gesprächs, die sich eben nicht nur auf die Beratung (Klärungs- und Bewältigungserfahrungen), sondern auch auf die Schaffung günstiger Ausgangsbedingungen für Klärungs- und Bewältigungserfahrungen beziehen (Arbeiten mit Besuchern und Klagenden, Beziehungsgestaltung, Resonanz, Fachwissen vermitteln, Unterscheidungen vornehmen, etc.)
Als systemische Berater ist es unsere Aufgabe, zu beobachten und auf Grundlage dieser Beobachtungen Interventionen zu setzen. Dies tun wir auf Grundlage unterschiedlicher Modelle, Theorien und Unterscheidungen, die uns ermöglichen, eine Vielzahl möglicher Erklärungen in Betracht zu ziehen. Indem wir viele Erklärungen generieren und prüfen können, können wir mit unterschiedlichen Impulsen reagieren, wenn etwas nicht läuft wie erwartet, anstatt zu versuchen, unser Gegenüber durch Wiederholung und Verhärtung in einer Strategie zu dem Verhalten zu nötigen, das wir gerne von ihm sehen wollen.

